Eine Reise in die dänische Produktionsschullandschaft

Aus einem Interview mit dem Schulleiter Thomas Johanssen (Produktionsschule ALTONA gGmbH):

Was hat Sie damals dazu bewogen, das Konzept für die Produktionsschule nach dänischem Vorbild zu erarbeiten?
Ich habe viele Jahre an der Berufsschule gearbeitet und festgestellt, dass es sinnlos ist, gegen die Abwehr von Schülern anzuarbeiten, gegen ihre Abwesenheit anzugehen und die hohen Abbrecherquoten zu beklagen. 1989 besuchte ich erstmals in Dänemark eine Produktionsschule. In unserem nördlichen Nachbarland gab es schon damals 100 Schulen dieser Art. Das Konzept hat mich sofort überzeugt. Mit verschiedenen Unterstützern habe ich mich damals daran gemacht, dieses Modell auch in Hamburg zu verwirklichen.

Pädagogische Zielsetzungen dänischer Produktionsschulmodelle.

 Das pädagogische Ziel der Produktionsschulen in Dänemark besteht darin, den Schülerinnen und Schülern eine Lernform zu ermöglichen, die ihnen angemessen ist. Die Grundannahme ist , dass alle Jugendlichen über beträchtliche Lernressourcen verfügen, diese aber unter den bisher vorgefundenen schulischen Bedingungen nicht nutzen konnten oder wollten. Durch die Einbeziehung der Produktionsschulen in das Regelsystem der dänischen Schulbildung wird die Ausgrenzung "bildungsferner" Schülerinnen und Schüler von vornherein vermieden. Über die Anknüpfungspunkte der praktischen Arbeit und der Produktion sollen die Schülerinnen  und Schüler wieder zur Leistung motiviert werden. Sie werden angeregt, sich die Theorie über die praktische Arbeit anzueignen. Durch die Qualifizierung in einer Produktionsschule sollen ihre Chancen in Erstausbildung oder Arbeitsmarkt deutlich verbessert werden.

Erfolgselemente dänischer Produktionsschulen

- Lernen durch praktische selbstständige  Tätigkeit.
Die Jugendlichen qualifizieren sich in verschiedenen Arbeitsfeldern, die sie frei nach eigenen Wünschen und Interessen wählen können. Eine große Bedeutung kommt dem selbstständigen Handeln der Jugendlichen zu. Die notwendige Theorie wird im Produktionsprozess vermittelt. Wenn die Jugendlichen merken, dass sie imstande sind, in einem oder mehreren praktischen Gebieten gute Leistungen zu erbringen, gewinnen sie wieder Zutrauen zu sich selbst und werden motiviert, auch weitere Lernangebote der Schulen anzunehmen. 
- Es gibt keine festgelegten Lernvorgänge.
Die Jugendlichen gestalten den Arbeitsablauf nach eigenen Wünschen und Ineressen und natürlich auch nach den Notwendigkeiten, die sich aus dem Produktionsablauf ergeben. Daraus entwickeln sich höchst unterschiedliche, individuelle Lernverläufe, welche oftmals vom Zufall bestimmt werden. Zur Strukturierung der Lernverläufe haben die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe, diese für sich selbst zu dokumentieren und stehts im Austausch mit den Lehrkräften zu bleiben. Die Lehrkräfte wiederum sind über alle Jugendlichen informiert, beraten diese und geben Anregungen für die weiteren Schritte bis hin zum Übergang in Ausbildung oder Arbeit.
- Die Produktionsschule hält ein breites Arbeitsangebot bereit.  
Die Produktionsschulen machen Arbeitsangebote, die mehrere Teilschritte in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden enthalten und in verschiedenen Arbeitbereichen angesiedelt sind. So wird sichergestellt, dass für alle Jugendlichen ein Arbeitsangebot vorhanden ist, welches bestmöglich die individuellen und fachlichen Qualifikationen fördern kann.
- Persönlichkeitsentwicklung ist fester Bestandteil des Qualifizierungsprozesses.
Die Jugendlichen erfahren nicht nur, dass eigene Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigt werden. Vielmehr erleben sie sich als Teil einer verpflichtenden Arbeitsgemeinschaft. Sie werden gebraucht, damit die durch die Produktion anfallenden Aufgaben bewältigt werden können. Dadurch erleben sie unmittelbar die Bedeutung von Kompetenzen, wie Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Durchhaltevermögen, Genauigkeit u. s. w.
- Die Produktionsschule hält keine Prüfungen ab.
Daher gibt es für die Jugendlichen keinen Zensurendruck. Dies ermöglicht es ihnen, unabhängig vom feststehenden Prüfungsterminen, ihren Lern- und Arbeitsprozess zu steuern, eigenen Stärken nachzugehen, Aufgabengebiete zu erproben und auch Dinge zu verwerfen, die ihnen nicht geeignet erscheinen. Wenn die Jugendlichen für sich ein geeignetes berufliches Ziel entwickelt haben, haben sie die Möglichkeit, begleitend zur Arbeit in der Produktionsschule Kurse zu belegen. Die Produktionsschulen bieten verpflichtend für interessierte Schülerinnen und Schüler Kurse in Mathematik, Informatik und Dänisch und weitere optionale Kurse an.
- Integration und Betriebspraktika.
Die Produktionsschülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, innerhalb ihrer Produktionsschulzeit ein bis zu vierwöchiges betriebliches Praktikum zu absolvieren. Dieses kann dazu dienen, den Jugendlichen die betriebliche Realität vertraut zu machen, eine Fachrichtung auszuprobieren, die die Produktionsschule nicht bietet oder auch dazu eine betriebliche Ausbildung anzubahnen.
- Der Beratungsprozess ist in den Lernvorgang eingegliedert.
Lehrkräfte und Beratende sind in den Alltag der Jugendlichen integriert. Dies bedeutet kurze Wege: Viel Dinge können zwischen "Tür und Angel" geregelt - Anregungen im laufenden Prozess gegeben werden. Die Lehr- und Beratungskräfte sind stets über den Lern- und Entwicklungsstand der Jugendlichen informiert und garantieren eine laufende Evaluierung des Unterrichtsverlaufes des einzelnen Jugendlichen. In Dänemark werden bewusst nicht zusätzlich Sozialpädagogen zur Betreuung der Jugendlichen eingesetzt. Ansprechpartner zu allen Belangen - auch bei persönlichen Fragen - ist stets die Fachkraft in der Werkstatt. Die Betreuung erfolgt bis zu drei Monaten nach Verlassen der Produktionsschule und sichert damit die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler während der ersten Ausbildungsmonate.
- Laufende Ein- und Ausstiege sind möglich.
Dadurch lässt sich ein Bildungsgang an einer Produktionsschule mit dem persönlichen Entwicklungsprozess verbinden - je nach persönlicher Situation des Jugendlichen.
- Entnommen aus: "Produktionsschulen-Mythos und Realität in der Jugendsozialarbeit" -